LANDESVERBAND SCHWEIZ
 

 

 

„Grosser Ring“ aus der Ausstellung von 
P. Rauscher zum BVMW Kongress 2011

 

Ingenieure aller Technologiefelder dringend gesucht.

15. April 2010 – Obwohl die Schweizer und die Deutsche Wirtschaft gerade erst den schlimmsten Absturz der Nachkriegsgeschichte hinter sich hat, finden viele Firmen keine geeigneten Mitarbeiter. Vor allem der Mangel an Ingenieuren belastet den sich abzeichnenden Aufschwung. So hat allein Siemens in der Schweiz und Deutschland über 2‘500 Stellen zu besetzen Das Problem dürfte sich weiter verschärfen. Der BVMW und viele rennommierte Wirtschaftsforscher hatten diese Entwicklung schon vor mehr als 15 Jahren prognostiziert. Jetzt ist sie da.

Bei der Suche nach Fach- und Nachwuchskräften hat der Technologiekonzern Siemens zuletzt jede Menge Fantasie entwickelt. Mentoren versuchen Studentinnen im Namen von Siemens für den Job als Ingenieur zu begeistern. Personaler sollen gezielt Menschen unterschiedlichster Herkunft aufspüren, die für die Jobs geeignet sind.

Trotz all dieser Programme schlägt sich der Konzern weiterhin mit einem veritablen Personalproblem herum. "Wir haben allein in Deutschland etwa 1900 nicht besetzte Stellen", sagte ein Siemens-Sprecher gegenüber dem BVMW. 

Sogar Flugzeughersteller Airbus spürt den Engpass.

Siemens steht mit dem Problem nicht allein da. Deutschlandweit beklagen Unternehmen schon wieder einen Fachkräftemangel, obwohl das Land gerade die schwerste Rezession der Nachkriegszeit hinter sich hat. Zuletzt war der ab 2005 beginnende Aufschwung vom Ärger über fehlende Mitarbeiter in Schlüsselpositionen begleitet. Nun droht nach Ansicht von Firmen und Verbänden bereits im Frühstadium der möglichen Wirtschaftserholung dasselbe. Auch Flugzeughersteller Airbus spürt den Engpass. "Was das Angebot an erfahrenen Ingenieuren betrifft, so ist es nach vor schwer, geeignete Kandidaten auf dem Markt zu finden - national sowie international", sagt Personalleiter Joachim Sauer mitte April 2010 gegenüber der Presse.

Fachkräftemangel auch für Mittelstand ein Problem.

Nicht nur Großkonzerne sind betroffen. "Der Fachkräftemangel hat sich auch zu einem Riesenproblem für den gesamten Mittelstand entwickelt", sagt der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, sagte Mario Ohoven, Präsident des BVMW heute gegenüber der Wirtschaftspresse.

Im schlimmsten Fall drohe für 2015 ein Defizit von gut einer Million Fachkräfte mit Hochschulabschluss, dazu komme eine Lücke von 1,3 Millionen Mitarbeitern mit beruflichem Abschluss. "Aber auch schon heute können in Klein- und Mittelbetrieben Zehntausende freie Stellen nicht besetzt werden", sagt Ohoven. "Mit der anspringenden Konjunktur wird sich das Problem weiter verschärfen." Betroffen sind aus Sicht des Mittelstandes vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Energiewirtschaft. In zunehmendem Maße suchten aber auch Dienstleister vergeblich nach geeigneten Fachkräften.

Hilfe aus dem Osten.

In der Schweiz sind schon jetzt Arbeitnehmer aus den neuen EU-Beitrittsstaaten uneingeschränkt am Arbeitsmarkt zugelassen. Bleibt abzuwarten, ob Schweizer Unternehmensleiter den dringenden Politikempfehlungen des Bundes folgen, und vorausschauend die gebotenen Chancen nutzen. Der BVMW und seine Auslandsgeschäftsstellen in Osteuropa helfen gerne weiter bei Suche und Selektion benötigter Fachkräfte. Für Deutschland könnte ab 2011 Hilfe aus dem Osten kommen. Dann erst dürfen Arbeitnehmer aus den neuen EU-Betrittsstaaten auch in Deutschland uneingeschränkt Jobs annehmen. Die sächsische CDU hatte bereits in ihrem Koalitionsvertrag mit dem früheren Partner SPD einem Passus zugestimmt, der in früheren CDU-dominierten Regierungen undenkbar gewesen wäre: "Deutschland wird zum Einwanderungsland.".

VDI wirbt auf der Hannover Messe.

Ab Montag, den 19. April 2010 will der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) auf der Hannover Messe seine Sicht zum Ausmaß des Problems darlegen und Zahlen nennen, wie viele Ingenieure der Volkswirtschaft fehlen. "Das Thema ist nach wie vor virulent", sagte heute ein Sprecher. Für den Engpass gibt es mehrere Erklärungen. Anders als in vergangenen Wirtschaftskrisen haben die Unternehmen 2009 extrem wenig Arbeitsplätze abgebaut, sondern auf Kurzarbeit gesetzt. Der Markt für qualifizierte Arbeitskräfte ist somit nahezu leergefegt.

Zudem machen sich allgemeine demografische Effekte immer deutlicher bemerkbar. "Die nachrückenden Jahrgänge vermögen es immer weniger, die Lücke, die die geburtenstarken Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen werden, zu schließen", schreiben die Autoren einer Studie für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung.

Lage verschlimmert sich: Nur noch 77% Nachwuchs.

In den nächsten Jahren wird sich die Lage eher verschlimmern. Für die Gruppe der 45- bis 54-Jährigen, die zwischen 2015 und 2025 das Rentenalter erreichen werden, beträgt das Potenzial der jüngeren Arbeitnehmer, die nachrücken können, demnach nur noch 77 Prozent. Und nur noch für gut jeden zweiten 35- bis 44-Jährigen gibt es statistisch gesehen Ersatz, wenn die Generation in Rente geht.

Die Absolventenzahl technischer Fächer wird schon früher unter Druck kommen. Die Zahl der Schulabsolventen mit Hochschulreife wird von 2013 bis 2020 um gut 20 Prozent zurückgehen, erwartet die Kultusministerkonferenz. Die Zahl der Studienbeginner bei Ingenieurswissenschaften wird in den kommenden Jahren demzufolge sinken, die Zahl der Absolventen dürfte bis 2015 bestenfalls konstant bleiben, danach droht ein Rückgang.

Schon jetzt tun sich gerade klassische Industriebetriebe auch aus einem anderen Grund schwer bei der Suche nach Nachwuchs. "Ingenieure sind in immer mehr Branchen gefragt", sagt der VDI-Sprecher. Den Beobachtungen des Verbands zufolge schnappen beispielsweise Unternehmensberatungen anderen Firmen immer häufiger die Talente vor der Nase weg.

Hoffnungsträger Einwanderung.

Die Firmen müssen nun umdenken und sich um mehr Frauen, Ausländer und auch ältere Arbeitnehmer bemühen. "Die veränderte Struktur des Arbeitskräfteangebots wird für die Unternehmen zur Folge haben, dass sie von bisher dominierenden Anforderungen an neue Arbeitskräfte ("jung, dynamisch, flexibel') zunehmend Abstand nehmen müssen", sagen übereinstimmend die Experten beider Verbände. Immer stärker müssten sich die Unternehmen bemühen, die Leistungsfähigkeit auch älterer Fachkräfte zu erhalten und auszubauen. "Die Option, ältere Arbeitnehmer mittels Abfindungen freizusetzen und durch jüngere zu ersetzen, wird jedenfalls angesichts rückläufiger Zahlen bei jüngeren Kandidaten immer seltener anbieten."

Auch in der Politik wird ein Wandel sichtbar. Sogar die als äußerst konservativ bekannte Schweizer SVP und in Deutschland die sächsische CDU hoffieren plötzlich Zuwanderer. Hintergrund ist der besonders drastische Fachkräftemangel in der Schweizer Maschinen- und Bauindustrie und großen Teilen Ostdeutschlands. "Darum werben wir um Menschen mit Qualifikation, Bildung und Integrationswillen" sagen die Exponenten beider Parteien, die noch vor wenigen Monaten gegen Ausländische Zuzüger hetzten.

BVMW Geschäftsstelle Zug

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